Alle News

Interview mit Dr. Karoline Wild, Projektmanagerin für künstliche Intelligenz beim VfB Stuttgart

In Bundesliga-Clubs gibt es Brachflächen. Abteilungen, in denen wenige oder gar keine Frauen arbeiten. Neben den Teams, die eng mit dem männlichen Profiteam zusammenarbeiten, gilt dies vor allem für Abteilungen, in denen auch in Unternehmen außerhalb des Fußballs Frauen unterrepräsentiert sind: Digitalisierung und IT. Der VfB Stuttgart hat im September einen ungewöhnichen Neuzugang melden können: Dr. Karoline Wild, promovierte Computerwissenschaftlerin.

FUSSBALL KANN MEHR: Sie haben an der Universität Stuttgart komplexe Projekte von Edge Computing in der Fabrik bis zur Service-Plattform für Quantencomputing geleitet. Was hat Sie an einer Rolle im Fußball gereizt?
Dr. Karoline Wild: Nach meiner Promotion 2022 stand für mich fest, dass ich den klassischen akademischen Karriereweg nicht weiterverfolgen möchte – insbesondere die damit verbundene nötige Flexibilität des Wohnortes wollte ich mit zwei kleinen Kindern nicht eingehen. Ende 2023 lief mein, wie in der Forschung übliche, befristete Vertrag aus und mein zweites Kind kam zur Welt. Damit endete mein akademischer Weg. Als ich auf die Stelle beim VfB gestoßen bin, hat mich die Frage „Was macht ein Verein mit KI?“ sofort gepackt. In den Gesprächen wurde klar: Beim VfB wird KI ganzheitlich gedacht – von Geschäftsprozessen bis zur gesellschaftlichen Verantwortung. Das hat mich überzeugt, weil ich Innovation im digitalen Kontext vorantreiben und Neues erschaffen möchte.
Der Wechsel in die Fußballbranche war für mich auch mit Unsicherheiten verbunden, da ich keine persönliche Erfahrung in der Sportbranche hatte. Tatsächlich beschäftige ich mich aktuell vor allem mit den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aspekten des Vereins. Die wertschätzende und offene Kultur beim VfB hat mir den Einstieg sehr erleichtert.

Man könnte sagen, dass Sie für Ihre jetzige Rolle Türen durchschreiten mussten, die für Frauen nicht weit offen stehen. Welche dieser Türen war am härtesten aufzustoßen?
Wenn ich auf meinen bisherigen Weg zurückblicke – von der Ausbildung zur IT-Systemkauffrau über das Studium der Wirtschaftsinformatik bis zur Promotion im Bereich Cloud Computing und jetzt zum Einstieg beim VfB Stuttgart – war der Männeranteil bei allen Stationen immer deutlich höher als der Frauenanteil. Trotzdem habe ich persönlich nie das Gefühl gehabt, dass mir das „Frau sein“ zum Nachteil wurde. Ganz im Gegenteil habe ich das Gefühl, dass die besondere Sichtbarkeit als eine von wenigen Frauen in meinem Forschungsumfeld zusammen mit meiner offenen und lösungsorientierten Art, mir auch Chancen ermöglicht hat.

Welche Strukturen und Mechanismen haben Sie selbst erlebt, die Frauen den Einstieg erschweren?
Ein großes Thema ist für mich die gesellschaftliche Akzeptanz einer gleichberechtigten Elternschaft von Müttern und Vätern. In meinem Umfeld ist es fast selbstverständlich, dass Mütter ihre Arbeitszeit reduzieren oder längere Elternzeiten nehmen. Bei Vätern hingegen ist das immer noch ein Tabu. Ich arbeite selbst in Teilzeit (75%). Mein Mann übernimmt nachmittags an zwei Tagen pro Woche die Betreuung und arbeitet Vollzeit (35h). Trotzdem verspürt er das Bedürfnis, die reduzierte Flexibilität an zwei Tagen pro Woche so gut wie möglich zu kaschieren. Im Kontext der Vereinbarkeit von Familie und Beruf muss aus meiner Sicht vor allem auch der Blick auf Männer bzw. Väter gelegt werden und wie gleichberechtigte Elternschaft im Berufsalltag gesellschaftlich gelebt werden kann.

Wenn Sie auf Ihren Weg zurückschauen: Welche Entscheidungen oder Strategien haben sich als wirksam erwiesen – und was könnten andere Frauen konkret von Ihnen übernehmen?
Wenn ich auf meinen Weg zurückblicke, dann war für mich immer entscheidend, einfach Dinge auszuprobieren – auch ohne perfekte Voraussetzungen. Ich komme ursprünglich von einem altsprachlichen Gymnasium und hatte bis zum Ende der Schulzeit keinerlei Berührungspunkte mit IT. Durch die Ermutigung meiner Eltern habe ich mich auf eine technische Ausbildung beworben – ohne Vorkenntnisse, aber mit Neugier. Auch die Promotion war nicht von vornherein geplant, sondern hat sich durch eine spannende Vertiefung ergeben. Mein roter Faden ist: Einfach machen, mutig sein und sich nicht von fehlender Erfahrung abschrecken lassen. Ich war nie Fußballfan, aber ich habe mich trotzdem beworben – und daraus ist etwas Gutes entstanden. Man muss nicht alles von Anfang an können oder wissen. Es lohnt sich, Chancen zu ergreifen, auch wenn der Weg nicht immer geradlinig ist.

Sie waren beim Girls’ Day aktiv. Wie gelingt die nachhaltige Wirkung solcher Initiativen?
Ich habe zweimal zusammen mit einer Kollegin an der Universität Stuttgart den Girls’ Day durchgeführt. Es war toll zu sehen, mit wie viel Spaß die Schülerinnen an die Aufgaben gegangen sind.
Heute, als Mutter einer 4,5-jährigen Tochter, wird mir noch bewusster, wie wichtig Vorbilder sind. Der Grundstein dafür, was wir für normal halten, wird sehr früh gelegt. Meine Mutter war für mich ein starkes Vorbild: Sie hat als Mutter von zwei kleinen Kindern promoviert und ihren Weg zur Professur gemacht. Was mir durch meine Tochter auch nochmal klar geworden ist: Sprache prägt enorm. Gleichzeitig merke ich, wie schnell Stereotype übernommen werden. Das macht deutlich, wie früh Rollenbilder entstehen und wie sehr Sprache und Alltagserfahrungen Möglichkeiten beeinflussen. Solche Initiativen können wichtige Impulse setzen, nichtsdestotrotz werden wichtige Weichen bereits viel früher gestellt.

In vielen Fußballclubs ist der Frauenanteil inzwischen teils höher als im MINT-Bereich. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?
Die stärkere mediale Sichtbarkeit von weiblichen Vorbildern im Profifußball hat sicherlich einen positiven Effekt. Ein Verein ist jedoch auch ein mittelständisches Unternehmen mit klassischen, frauendominierten Bereichen wie Personal oder Marketing. Schaut man auf die Führungsebenen oder den direkten Profisportbereich rund um die Lizenzmannschaft, sind Frauen nach wie vor stark unterrepräsentiert. Ein ähnliches Bild zeigt sich in den MINT-Fächern: In Mischstudiengängen gibt es deutlich mehr Frauen als in klassischen naturwissenschaftlichen Fächern. Alte Rollenbilder und die Vorstellung früher technischer Vorkenntnisse schrecken viele ab, obwohl sie die Fähigkeiten hätten.

Welche Erfahrungen aus der Wissenschaft helfen Ihnen heute?
Gerade im akademischen Umfeld habe ich gelernt, komplexe Ideen zu entwickeln, interdisziplinäre Konsortien zu bilden und Konzepte strukturiert umzusetzen. Besonders prägend war für mich die Arbeit in Forschungskonsortien mit unklaren Rollen und unterschiedlichen Interessen.
Ich habe gelernt, wie man verschiedene Perspektiven zusammenbringt und Projekte von der Idee bis zur Umsetzung begleitet – Erfahrungen, die ich beim VfB sehr gut einsetzen kann.

Wie erklären Sie Außenstehenden, was KI im Fußball konkret bedeutet?
Künstliche Intelligenz bietet enorme Potenziale, um große Datenmengen sinnvoll zu nutzen – etwa im Scouting oder Training. Aber KI im Fußballverein ist mehr als Sport: Wir sind auch ein mittelständisches Unternehmen mit klassischen Geschäftsprozessen und einem besonderen Produkt – Emotion und Gemeinschaft.
KI hilft uns, Abläufe effizienter zu gestalten und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Gemeinsam mit Partnern erproben wir neue Lösungen und nutzen die Strahlkraft des Fußballs als Innovationstreiber – für den Verein und darüber hinaus.