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Interview mit Bibiana Steinhaus-Webb, FIFA- Head of Women’s Refereeing

FUSSBALL KANN MEHR: Was war der Anlass für diese Forderung?  
Bibiana Steinhaus-Webb: Wir haben festgestellt, dass Stellenausschreibungen Frauen oft nicht abgeholt haben – weder sprachlich noch strukturell. Flexibilität und Vereinbarkeit waren selten sichtbar. Gerade Mütter fühlten sich nicht angesprochen. Wenn ich mit einer Ausschreibung 50 Prozent der Zielgruppe nicht erreiche, verliere ich Potenzial, bevor eine Stelle besetzt ist.

Was war deine persönliche Perspektive auf diese Forderung? 
Dass sich die Rahmenbedingungen verändern müssen. In regionalen Ligen wurde schnell klar, dass Schiedsrichterinnen nicht mitgedacht waren – etwa bei Umkleidemöglichkeiten. Man fand Lösungen, pragmatisch, aber sie waren nie eingeplant.
Erst mit dem Umbau von Bundesligastadien wurden Schiedsrichterinnenkabinen mitgedacht, oft mit Verbindungstür zu den bestehenden Räumen. Diese werden unter der Woche zwar anderweitig genutzt, aber allein die Tatsache, dass die räumlichen Gegebenheiten berücksichtigt wurden, war ein wichtiger Schritt. Das war meine erste sehr konkrete Erfahrung mit struktureller Veränderung.

Was habt ihr damals beim Aufsetzen der Forderungen diskutiert?
Ein großes Thema war Netzwerkbildung und Wissenstransfer – also Mentoringprogramme und bewusste Vernetzung. Wir wussten zwar voneinander, aber ein echter Austausch oder strategische Abstimmung entstand erst mit der Gründung der Initiative.

Du bist in diesem Jahr auch FKM Mentorin … 
Ja, Netzwerke sind entscheidend. Schon eine Telefonnummer zu haben, die Möglichkeit, jemanden anrufen und um Rat fragen zu können, und zu wissen, dass mein “Hilferuf” oder Ruf nach Rat mit dem nötigen Feingefühl und Diskretion behandelt wird.
Sich ein Netzwerk aufzubauen ist wichtig, unabhängig davon, ob es strategisch zusammengesetzt ist oder aus persönlicher Sympathie entsteht – beides hat seine Berechtigung. Wichtig ist auch, es zu nutzen. Selbst wenn ein Kontakt nicht direkt helfen kann, eröffnet er oft den Zugang zu weiteren Netzwerken. Mich hat das bestärkt, Themen in einem vertrauten Kreis auszusprechen. Daraus entstehen häufig Ideen und Unterstützung, an die ich vorher gar nicht gedacht hatte.

Seitdem hast du in zwei großen Fußball-Organisationen an verantwortlichen Positionen gearbeitet, zunächst für den englischen Fußballverband, inzwischen für den Weltfußballverband. Welche Projekte, Netzwerke, Initiativen überzeugen dich in diesen Organisationen
Beeindruckend ist die Weitsichtigkeit, sich aktiv mit vielfältigen Themen auseinanderzusetzen und anzuerkennen, dass die Welt bunt ist und, dass das ein Gewinn ist. Aktuell arbeite ich mit Kolleginnen und Kollegen aus über 60 Ländern, im Büro werden rund 30 Sprachen gesprochen. Dieser globale Input ist enorm bereichernd.
Gerade in England spielt außerdem Mental Health und Wellbeing eine große Rolle – besonders für Coaches und Manager, die unter ständiger Beobachtung und Druck stehen. Es geht darum, wie Individuen damit umgehen und wie Organisationen sie schützen können.

Welche Projekte sind für Schiedsrichter*innen wichtig?
Klare Reporting-Strukturen, etwa bei Diskriminierung oder Beleidigungen – auf dem Feld, von Zuschauern oder im Netz. Konkrete Schritte sind wichtig: Personen aus Stadien entfernen, Gruppen sanktionieren, und auch Social Media verfolgen. Beleidigende oder diskriminierende Äußerungen können und muessen rechtliche Folgen haben – bis hin zur Information des Arbeitgebers. Diese Konsequenz entfaltet eine große Wirkung.

Der englische Fußballverband scheint uns viel besser dabei aufgestellt zu sein, unterschiedliche Diversitäts-Dimensionen zusammen zu denken, etwa mit einer Quote für Trainer*innen im Verband mit Einwanderungsgeschichte. Wie könnten wir lernen, Maßnahmen intersektional zu planen? 
Ich würde nicht von besser oder schlechter sprechen, sondern von unterschiedlichen Voraussetzungen. Man muss sich fragen: Wie ist die Struktur unseres Landes? Wer ist repräsentiert? Es geht nicht nur um Männer und Frauen, sondern auch um Alter, Herkunft, kulturellen Hintergrund und Zugang zum Fußball.
Entscheidend ist, Menschen aus allen Lebensbereichen aktiv einzubinden und anzusprechen. In England ist man aufgrund der Geschichte und Bevölkerungsstruktur sehr bestaerkt darin, unterschiedliche Gruppen mitzudenken.

Du arbeitest weltweit mit Schiedsrichterinnen. Welche Herausforderungen sind überall gleich, welche unterscheiden sich?
Wir arbeiten mit 211 Mitgliedsverbänden, die völlig unterschiedliche Voraussetzungen haben. Schiedsrichterinnen trainieren meist individuell, oft mit Herzfrequenzmessung und GPS. Aber diese Infrastruktur ist nicht überall verfügbar. Auch stabile Internetverbindungen für Meetings sind nicht selbstverständlich.
Schon die Organisation von Ausrüstung oder der Versand von Paketen kann schwierig sein. Trainingsmöglichkeiten variieren stark: Während in manchen Ländern In- und Outdoor-Training mit Spezialtrainer*innen zum Alltag gehört, ist es anderswo schwer, überhaupt ein Gym zu finden. Dann braucht es Kreativität, um Trainingsprogramme umzusetzen.
Bevor wir über Diversität sprechen, geht es oft um grundlegende Ressourcen und Rahmenbedingungen. Das betrifft alle.

Du hast dich intensiv damit beschäftigt, Mütter im System zu halten. Wo stehen wir? 
Eine Gesamtbewertung ist schwierig. Was ich sagen kann: Wir begleiten werdende Mütter bewusst, damit sie nahtlos zurückkehren können, wenn sie das möchten. Frischgebackene Mütter und Mütter mit jungen Kindern können ihre Kinder zu Maßnahmen mitbringen. Das wird dankbar angenommen und bereichert das Sozialgefüge der Gruppe, die Kinder sind mittlerweile Teil der Gemeinschaft.
Wir unterstützen alle Familienmodelle, etwa im LGBTQ-Kontext. Bei Redebedarf zur Familienplanung oder medizinischer Unterstützung stehen wir offen zur Verfügung. Dieses Vertrauen ist entscheidend, um Planungssicherheit zu schaffen – auch im Vierjahresrhythmus von Weltmeisterschaften. Offene Gespräche helfen allen Beteiligten.

Gibt es eine Forderung, die du heute für FUSSBALL KANN MEHR ergänzen würdest? 
Als wir die Forderungen formulierten, habe ich Diversität noch recht oberflächlich betrachtet. Je intensiver ich mich damit beschäftige, desto vielfältiger wird das Bild: Religion, Alter, kultureller Hintergrund, LGBTQ-Themen, Gender, Mutterschaft, rechtliche Partnerschaftsformen.
Je tiefer man einsteigt, desto bunter wird es und desto klarer werden auch die Herausforderungen. Genau deshalb lohnt es sich, sich intensiv damit auseinanderzusetzen.