Interview mit Andreas Luthe, Vorstandsvorsitzender des VfL Bochum
FUSSBALL KANN MEHR: Der VfL Bochum hat keinen alleinigen Verantwortlichen mehr für den Sport, sondern eine “fachlich organisierte Sportführung.” Was ist die Idee hinter dieser neuen Struktur?
Andreas Luthe: Die Idee ist simpel: Wir wollen die sportliche Verantwortung auf mehrere Fachleute verteilen, statt alles auf eine Person zu konzentrieren. So nutzen wir die Kompetenz vieler und werden gleichzeitig unabhängiger von Einzelentscheidungen. Und dieser Schritt kommt nicht aus dem Bauch, sondern aus einem klaren Reflexionsprozess: Wir haben erlebt, dass Zentralisierung funktionieren kann – aber nicht muss. Unsere Erfahrung zeigt, dass verteilte Verantwortung langfristig die stabilere Lösung ist. Im übrigen war diese Form der Struktur schon in anderen Abteilungen des VfL Standard, bislang nur nicht im Sport.
In der Pressemitteilung schreibt der Club, dass “durch die flachere Hierarchie eine Verbesserung und Vereinfachung in den Abläufen erzielt werden soll.” Du sagst: International ist dies längst Normalität in Sportorganisationen. Was sind die Vorteile?
Die flache Hierarchie macht uns beweglicher und unabhängiger von Einzelpersonen. Entscheidungen werden schneller getroffen, weil Spezialisten direkt miteinander sprechen, statt über mehrere Ebenen zu gehen. Die Entscheidung ist also die Konsequenz des Prozesses. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass auch wir mit Ilja Kaenzig weiterhin einen CEO haben, der gemeinsam mit den Gremien die Gesamtstrategie im Blick hat.
In Fußballdeutschland ist geteilte Führung absolut unüblich – der starke Mann an der Spitze die Norm. Warum?
In Deutschland war die Rolle des Sportdirektors oder Sport-Geschäftsführers traditionell sehr öffentlichkeitswirksam. Man wollte einen klaren Ansprechpartner, einen starken Mann, der alles verantwortet und vor die Kameras tritt. Im europäischen Ausland ist das längst anders: Dort verteilt man Verantwortung viel stärker auf mehrere Expertisen, die gemeinsam Entscheidungen herbeiführen. Genau diesen Weg gehen wir jetzt auch – weg vom Rampenlicht für eine Person, hin zur Kraft des Teams.
Wie stellt man denn sicher, dass Entscheidungsprozesse effizient und transparent bleiben, wenn mehrere Menschen involviert sind?
Wir brauchen keinen einzelnen starken Entscheider mehr – weil die Entscheidung selbst das Ergebnis eines klaren Prozesses ist. Wenn jeder in seinem Fachbereich sein Go gibt, ist die Richtung längst gesetzt, bevor irgendein Gremium oder ein CEO klassisch „abnicken“ müsste. Das macht uns schlank, schnell und fachlich sauber. Transparenz entsteht automatisch, weil jeder weiß, welche Expertise wann gefragt ist und welchen Beitrag er zum Gesamtbild leistet.
Du sprichst als Keynote-Speaker oft über moderne Führung. Was rätst du Organisationen, die eine ähnliche Neustrukturierung umsetzen möchten?
Führung ist Kulturarbeit. Wer so eine Struktur einführt, muss Rollen natürlich klar definieren, Verantwortung bewusst teilen und dafür sorgen das die Kommunikation passt. Wichtig ist, das Team mitzunehmen und Vertrauen zu schaffen. Nur dann wird geteilte Führung zu einem echten Wettbewerbsvorteil. Das Ganze muss dann aber auch von den Gremien und Geschäftsführenden langfristig getragen werden.
Und warum ist für dich Führungskultur so wichtig in einem Fußballclub?
Gerade im Fußball, wo viele von Wochenende zu Wochenende denken, braucht es eine Führungskultur, die langfristig trägt. Gute Führung schafft Stabilität in einem Umfeld, das permanent unter Druck steht. Wenn Kommunikation und Verantwortung klar sind, können Teams Rückschläge auch besser verkraften und sich nachhaltig entwickeln. Deshalb sage ich, dass die Abkehr von starken Personen, die alle Verantwortlichkeiten vereinen, nur mit einem konsequenten Strategiewechsel der Gremien und Geschäftsführenden möglich ist.
Mit Annike Krahn wird auch die Direktorin für den Frauenfußball als erste Frau in der Bundesliga und Zweiten Bundesliga mit zum Kompetenzteam gehören, das für die Männer-Profimannschaft verantwortlich ist. Was erhoffst du dir von ihrer Perspektive?
Annike bringt nicht nur eine neue Sichtweise ein, sondern öffnet Türen für echte Synergien zwischen Frauenbereich, NLZ und Profis. Wir haben spannende Themen, die alle sportlichen Abteilungen betreffen. Bspw. der Einsatz von KI und Datenmodellen. Wenn alle Bereiche hierarchisch gleichberechtigt zusammenarbeiten, profitieren wir voneinander – fachlich, menschlich und in der Art, wie wir Entscheidungen treffen. Ich gehe davon aus, dass sich alle Beteiligten erst mal an die neuen Abläufe gewöhnen müssen, meine Erwartungshaltung ist aber schon, dass wir zügig in die Kooperation aller Resorts kommen.