Interview mit Prof. Dr. Helen Breit
FKM Forderung 8: Konsequente Sanktionierung jeder Form von Sexismus und Diskriminierung, auch außerhalb des Platzes und entsprechende Anlaufstellen für Betroffene.
Helen Breit: Unsere Wahrnehmung und Erfahrung, dass Sexismus als Diskriminierungsform nach wie vor als etwas galt, das vielleicht unschön oder unangehm ist, aber kein wirklicher Anlass für Sanktionierungen und konsequentes Handeln. Ich würde sagen, dass wir da mittlerweile ein paar Schritte weiter sind, aber nach wie vor gibt es da viel zu tun. Für mich ist die Forderung nach einer konsequenten Sanktionierung untrennbar mit der uneingeschränkten Ächtung von Sexismus und anderen Diskriminierungsformen verbunden, auf die dann konsequentes Handeln folgen muss.
Die ist sehr eng an dem gemeinsamen Anlass. Was in meinen Fall spezifisch ist: Aktive Fußballfans sind in der Regel nicht die, die lautstark nach Sanktionen rufen. Bei uns ist es eher umgekehrt, Innenminister*innen rufen lautstark nach härteren Sanktionen gegen Verhalten in Fanszenen. Diese Rufe sind aber übrigens fast nie mit Themen wie Antidiskriminierung oder gar spezifisch Sexismus verbunden. Da geht es weniger um ein differenziertes Wahrnehmen von Problemlagen und mehr um eine pauschalisierende Kategorisierung. Eine Debatte über Sexismus und sexualisierte Gewalt auf allen Ebenen des Fußball hingegen erfordert eine sehr differenzierte und genaue Betrachtung. Und bei dieser ist eines meiner Ergebnisse: Wir brauchen eine konsequente Sanktionierung, nur mit Sensibilisierung und Aufklärung kommen wir hier nicht weiter.
Erinnerst du dich, wie ihr das damals diskutiert habt?
Ehrlicherweise erinnere ich mich sehr gut daran, dass wir fast immer die Verwobenheit der einzelnen Forderungen diskutiert haben und wie schwer es ist, diese auf einzelne Punkte runterzubrechen und entsprechend so zu vereinfachen, dass man damit medial ins Rennen gehen kann.
Sexismus ist mit großem Abstand die am häufigsten gemeldete Diskriminierungsform bei der Meldestelle für Diskriminierung im Fußball in NRW mit 46 % der 762 Meldungen aus der Saison 2023/2024. Wie eng sind Sexismus und Fußball miteinander verknüpft?
Wie viel Platz habe ich, das auszuführen? Im Ernst: Auf sehr vielen Ebenen. Fußball galt so lange als „Männersport“ und wurde mit dem vorübergehenden Verbot des Frauenfußballs ja auch genau so durchgesetzt. Die Führungsetagen sind voll von Männern, in den Stadien sind sie auf den Rängen die Mehrheit. Das sind leider ideale Bedingungen für Sexismus. In diesem Fall die Aufwertung und Besserstellung des eigenen männlichen Geschlechts gegenüber des weiblichen Geschlechts. Vergessen wird bei der Thematisierung von Sexismus immer wieder, wie stark die strukturelle Dimension ausgeprägt ist: Das sind Strukturen, die vor allem Männer für Männer aufgebaut haben. Strukturelle und institutionelle Formen von Diskriminierung sind nochmal viel schwerer aufzudecken und noch schwerer zu verändern…
Du hast das „Netzwerk gegen Sexmus und sexualisierte Gewalt“ mitgegründet. Wer engagiert sich dort und was sind die Ziele?
Ja, mittlerweile habe ich mich aus Kapazitätsgründen raus gezogen. Das Netzwerk ist sehr aktiv und es arbeiten wunderbare und sehr fitte Menschen dort. Über das Netzwerk wurde das erste Muster-Konzept zum Umgang mit sexualisierter Gewalt im Zuschauer*innen-Bereich entwickelt, mittlerweile stellt das Netzwerk diverse Handreichungen zur Verfügung, es ist ein Austauschort für lokale Initiativen, die an diesen Themen arbeiten und ein Motor für Weiterentwicklungen in diesem Bereich.
Gibt es aus deiner Erfahrung Beispiele, wo Vereine oder Verbände gute Arbeit leisten?
Durchaus – all diejenigen, die Sexismus und sexualisierte Gewalt thematisieren und das Problem benennen. Es gibt sehr unterschiedliche Strukturen je nach Standort, es ist schwer das zu vergleichen und zu beurteilen. Ich schätze es sehr, wenn die Arbeit von profesionellen Fachkräften aus der Sozialen Arbeit unterstützt wird, weil dort viel fachliche Expertise vorhanden ist, und die Weitervermittlung in professionelle Kontexte leichter ist. Und natürlich muss das Ziel immer sein, möglichst viele Menschen dazu zu bringen, aus einer inneren Überzeugung heraus hinter dem Thema zu stehen.
Welche Rolle spielen aus deiner Sicht Fangruppen bei der Schaffung von Awareness und bei der Durchsetzung von Sanktionen?
Es waren mal wieder Fans, die das Thema Sexismus und sexualisierte Gewalt auf die Tagesordnung gebracht haben. Wir haben Vereine und Verbände aufgefordert, in diesem Bereich endlich zu handeln. Wir haben die erste Umfrage als Bestandsaufnahme zu diesem Thema gestartet und das erste Musterkonzept entwickelt. Angetrieben hat uns der gemeinsame Anspruch, dass Fußball tatsächlich für alle da sein soll. Fans haben einen erheblichen Anteil an den lokalen Strukturen und sind zum Teil auch tragende Säule in diesen Awareness-Strukturen.
Wie müssten Anlaufstellen konkret ausgestaltet sein, damit Betroffene sie wirklich nutzen?
Die Kurzform: Sie müssen sich an den Wünschen und Bedürfnissen der Betroffenen orientieren. Die Betroffenen müssen auf geschulte Personen treffen, die wissen, wie sie den Erstkontakt gestalten müssen. Es braucht Rückzugsorte, die schnell und diskret erreichbar sein müssen. Es muss geklärt sein, wie eine Weitervermittlung möglich ist. Das Konzept der Anlaufstelle muss in das System Fußball integriert sein, alle Akteure an einem Spieltag müssen von dem Vorgehen wissen und es mittragen. Denn durch die Betroffenenorientierung folgt es anderen Regeln als es die meisten Maßnahmen im Sicherheitsbereich an Spieltagen tun. Außerdem müssen Betroffene überhaupt erstmal wissen, dass erstens Sexismus und sexualisierte Gewalt in diesem Stadion geächtet werden und es zweitens eine Anlaufstelle gibt. Und dann müssen sie diese auch sehr schnell erreichen können, d.h. alle im Stadion sichtbaren Ansprechpersonen müssen von der Anlaufstelle wissen und wissen, wie sie Betroffene diskret weitervermitteln können.
Du warst unter den FKM-Initiatorinnen eine der zwei Frauen, die aus der Fanszene kamen. Denkst du, dass Fankurven bei einigen der FKM-Forderungen weiter sind als die Geschäftsführungen der Clubs?
Ja, auf jeden Fall. Auch in der Fanszene gibt es Beharrungskräfte und Männer, die immer noch glauben, dass Sexismus in Ordnung ist. Aber es gibt eine wachsende Masse an Menschen, die die Arbeit für Gleichstellung und gegen Sexismus als Standard-Aufgabe betrachten. Ich glaube, wir profitieren hier auch von einem generationalen Effekt in den Fanszenen. Und trotzdem: Auch bei uns gibt es weiterhin viel zu tun.
Gibt es eine Forderung, die du heute für FUSSBALL KANN MEHR ergänzen würdest?
Puh, gute Frage! Ja, ich glaube, dass wir bei der Arbeit an einer Diskriminierungsform die anderen Diskriminierungen und ihre Verschränkungen (Stichwort Intersektionalität) nicht aus dem Blick verlieren dürfen und solidarisch für Vielfalt und gegen Diskriminierung jeder Art kämpfen müssen.